Ein Herz auf vier Beinen

Hier in Irland gibt es den Satz “ein Hund ist ein Herz auf vier Beinen,” da ist sehr wahres dran auch wenn viele Iren Hunde eher als Gebrauchsgegenstand sehen denn als Lebewesen. Ich habe mich, seit ich in diesem Land lebe, immer gefragt was in den Köpfen der Leute vor sich geht. Als ich für Apple gearbeitet habe da hatten wir eine Traveller-Community als Nachbarn. Ihre Hunde und Pferde pflegten durch die Gegend zu streifen, und ich hätte beinahe mal einen Hund mit nach Hause genommen. Nach Feierabend war er leider nicht mehr da, dafür wurde mir ein Pferd angeboten. Ich hätte also wie ein Indianer ohne Sattel nach Hause reiten können und da das Haus in dem ich wohnte noch aus der Viktorianischen Zeit stammte gab es am Hauseingang einen sogenannten Stiefelkratzer mit der Möglichkeit sein Pferd anzubinden. Derry, mein Landlord, hätte mich wahrscheinlich für völlig verrückt gehalten.

Betzi, ein wahres Herz auf vier Beinen

Aber ich wollte eigentlich von unserem Hund erzählen…ja, das muss jetzt sein. Hunde gab es in meiner Familie seit ich neun Jahre alt war. Und, das stellte ich schnell fest, verfügt jeder Hund über individuelle Charactereigenschaften. Manche sind überaus liebenswert, manche nicht so und manche Hunde wollen die Rangordnung in ener Familie bestimmen – mein Bruder und meine Mutter konnten davon ein Lied singen als wir Cookie, einen braunen Pudel, hatten. Der letzte Hund in Deutschland war Betzi, ein Maremmano Mix aus Italien. Betzi saß mit ihrem Kumpel Bärchen in einem italienischen Knast und als die beiden im Rahmen einer Amnestie nach Deutschland ausreisen durften, hat meine Tante Bärchen genommen und ich habe Betzi behalten. Die Organisation die sich den Tierschutz auf die Fahnen geschrieben hatte kam mir vor wie der letzte Chaotenverein. Und als man entschied, ich solle die Hunde sechshundert Kilometer in einer Bremer Tierheim bringen – “Alles organisiert, die wissen Bescheid!” – weigerte ich mich, zumal das Tierheim auf meine Nachfrage mir die Auskunft gab, “sind Sie eigentlich irgendwo angerennt? Glauben Sie allen Ernstes wir nehmen die Hunde? Ist ja wohl eine Frechheit!” Denn man wußte dort weder von den Hunden noch kannte man den Verein.

Lebt der Alte noch?

Betzi lebte sechs Jahre lang mit mir zusammen bis ein Hundehasser Giftköder im Wald versteut hatte. Ich habe es nicht mitbekommen, dass sie einen gefunden hat und es nur bemerkt weil ihr plötzlich Blut aus dem Schnäuzchen lief. Der Tierarzt operierte sie aber ess war zu spät, oder die falsche Vorgehensweise, keine Ahnung. Als ich abends nach ihr schauen wollte lebte sie nicht mehr.

Dobby der Teufelsbraten

Wie eingangs erwähnt bin ich in Cork öfters Hunden begegnet und hätte gern den diesen einen Hund mit heimgenommen. Ich habe mich auch immer gefragt was für ein Verhältnis die Leeute mit ihren Vierbeinern haben. Geben sie ihren Hunden morgens ein paar Euro und schicken Struppi zum einkaufen? Darf er in einen Off Licence und für seine Menschen Alkohol kaufen, vielleicht gar noch Zigaretten? Das kam mir in den Sinn als ich einen Hund aus der Nachbarschaft traf. Der Jack Russell schnaufte wie eine alte Dampflok aus der Anfangszeit der industriellen Revolution. Vor allem, da wir auf einem Berg wohnten, er mit seinen kurzen Beinen keine Chance hatte die Treppen hochzukommen. Selbst wenn er eine Figur wie eine Primaballerina im Firkin Crane gehabt hätte wäre das für ihn ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen. Unsere Nachbarn meinten der Hund werde so vermenschlicht, dass er an Weihnachten seinen eigenen Truthahn bekommen würde. Vielleicht denkt man auch nicht nach und sieht Hunde als eigenständige Persönlichkeiten an die bisher noch nicht für die Politik, Kultur und Gesellschaft entdeckt wurden.

Halloween, der blaue Hundegeist von Mayo

Auf jeden Fall suchten meine Partnerin und ich ein Haus da wir es leid waren Miete für eine Bruchbude zu zahlen, die jedes Jahr teurer wurde und Derry auf den Gedanken kam, dass er vor unserem Einzug jedes Zimmer im Haus vermietet hatte, sich die Möglichkeit bieten würde an goldene Zeiten anzuknüpfen. Die Hausmieten stiegen seit der Wirtschaftskrise exorbitant nach oben und selbst umgebaute Garagen werden für 600-800€ vermietet. Gibt es ein Leck im Haus ist die Miete höher – Naturswimmingpool im Wohnzimmer/Küchenbereich -. Das war dann auch die Zeit, dass wir überlegten unser gemeinsames Zusammenleben mit einem Vierbeiner zu teilen. Erst hatten wir Dobby, da wir einen Border Collie wollten. Dobby sah zwar niedlich aus, hatte aber eine Vorliebe für Metallarbeiten, Kabel, Schuhe und meine Partnerin. Es war unmöglich den Hund zu trainieren, denn am Ende vergewaltigte er sein Stofftier. Irgendetwas stimmte mit dem Zwerg nicht und zwang uns, damit er ein noraler Hund wird, ihn an ein Paar abzugeben, dass bereits einen Hund hat damit er sozialisiert wird.

Cuki noch bei ihrer Mama

Er lebt nun in der Nähe von Macroom mit zwei Hunden, zwei Katzen und einer Schlange zusammen und die Leute meinten auf Nachfrage Dobby sei jetzt “Daddies Boy” und lieb, freundlich und lustig. Für uns war das eine Erleichterung. Wir lernten, dass Hunde in Irland auch eine Investition darstellen können, nicht nur der Bedarf an Gebrauchshunden, viele Hunde werden auch gestohlen und über Nordirland nach Großbritannien gebracht. In Cork sagte man mir, dass die Traveller die Hundezucht nutzen würden, um Hunde für illegale Hunderennen und Hundekämpfe zu züchten.

Aber zurück. Auf der Suche nach einem Hund stieß ich auf Dogs.ie auf die Anzeige einer Frau die Hundewelpen abgeben würde. Die Hunde waren eine Mischung aus Old English Sheep Dog und Border Collie. Der Vater wäre wohl mit Arbeitsvisa in Irland und hätte im County Clare seine Partnerin bei der Farmarbeit kennen gelernt, quasi Tinder für Wuffis sozusagen. Zweimal versagte das Auto und wir konnten die Termine nicht wahrnehmen, dann rief mich die Frau an und fragte ob es möglich sei nach Limerick zu kommen, da ein Welpe übrig sei. Unser Landlord – dem wir den Sprit bezahlten und das Auto wuschen – fuhr uns nach Limerick…die Faru kam an…öffnete den Kofferraum und in einer Transportbox saß etwas wuscheliges schwarz/weißes Etwas. Ich nahm ihr das Bündel ab und wurde erstmal im ganzen Gesicht abgleckt, das war Cuki.

Nach der Ankunft

Eigentlich hieß sie Holly aber sie hörte nicht auf den Namen, also probierten wir verschiedene Namen aus. Da meine Partnerin Ungarin ist versuchten wir Virag (Blume), Gombóc (Kloß) und zuletzt, aus Verzweiflung, rief ich Cuki (süß, niedlich) und sie kam. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob sie sich selber als süß gesehen hat aber Cuki hat gewirkt. Sobald sie ihren Namen hört ist sie da, gut sie ist auch da wenn man den Kühlschrank öffnet. Alle Hunde scheinen irgendwie den sechsten Sinn dafür zu besitzen, selbst wenn sie tief und fest schlafen – Kühlschranktür, ZACK! Sind sie da und sie tun so als wären sie ganz zufällig vorbeigekommen.

Der Umzug verlief dann anders als erwartet. Kurz zuvor hatten wie einen Totalschaden mit unserem Auto und waren gezwungen uns mit in die Fahrerkabine zu zwängen, und Cuki auf dem Schoss. – Unsere Hunde waren, was Autofahren betraf, immer mehr als aufgeregt. Sie saßen auf der Rückbank, schauten aus dem Fenster, bellten und zeigten ihre Hinterteile. Cookie lag immer auf der Rückenlehne des Vordersitz, so dass man den Eindruck hatte ein Hund fährt das Auto. – Cuki war ganz ruhig, rückte von Zeit zu Zeit ihren Körper in Position, nutzte die Pause um ihre Geschäfte zu erledigen, und wurde erst unruhig als in Castlebar Leute einfach so über die Fahrbahn liefen. Da ließ sie dann einen Wuffer los und schlief wieder zufrieden bis zu unserer Ankunft ein.

Praktisch
so eine breite Lehne

Da das Haus ein großes Grundstück besitzt gibt es für Cuki genug zu entdecken, also verbringen wir täglich eine Zeit draußen, werfen Ball oder umrunden das Haus, das heißt Cuki rennt zwei Runden und knufft einem von hinten in die Beine. Jeden Abend und jeden Morgen geht sie raus und schaut nach dem Rechten. Will sie rein, dann genügt ein Wuff. Reagiert man nicht dann zwei Wuffs oder sie wird lauter, ist man gerade beschäftigt tritt sie die Tür ein – nein nur Spaß, natürlich nicht. Morgens hört man wie sie aufsteht und schlaftrunken in’s Wohnzimmer geht. Da macht sie dann ihre morgendlichen Joga und Pilatus Übungen und verlässt das Haus. Danach dann Frühstück und ein kleines Verdauungsschläfchen. Essen will sie grundsätzlich draußen, also stellen wir ihre Schüssel vor das Haus. Eine Zeitlang wollte sie nur im Esszimmer speisen oder halt in Gesellschaft, dass hat sie dann dadurch angezeigt, dass sie gebellt hat und an die Stelle gegangen ist wo sie ihr Essen haben wollte. Cuki sieht sich persönlich in der Pflicht über die Tonnen zu wachen, damit nicht die Schafe von gegenüber unseren Müll stehlen.

Das gehört alles mir

Überhaupt Schafe. Von Zeit zu Zeit bringt James, unser Nachbar, seine Schafe auf unser Grundstück und Cuki übt sich als Hütehund, wobei das, was die Border Collies so leisten, da fehlt bei ihr noch einiges. Sobald die Schafe auf sie zugehen rennt sie weg. Ist einer von uns draußen ist sie seh sehr mutig was dazu führt, dass sie sich hinter einem versteckt und, sobald das Schaf weg ist, Todesmutig aus der Deckung tritt und dem Schaf ihre Meinung sagt.

Hatte eigentlich Heinrich Böll einen Hund dabei als er in unserem County sein Domizil hatte und sein irisches Tagebuch schrieb? Aber davon ein anderes mal.

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